Liebe Leserinnen und Leser,
mit diesem historischen archivierten Artikel möchten wir an die letzten März-Wochen vor genau 80 Jahren erinnern. Der Beitrag zum Einmarsch der Alliierten, kurz vor Kriegsende 1945, wurde vom erst kürzlich verstorbenen Weitersburger Heimatforscher Karl Wagner verfasst. In Erinnerung an eine schmerzliche Weitersburger Zeit:

Frühjahr 1945: Selbst in kleinsten Dörfern heulten immer wieder die Sirenen
(Artikel: Rhein-Zeitung - Ausgabe: 22.03.1995)
Scheune diente als Notkapelle - Weitersburger flüchtete vor den Bomben aufs Feld

WEITERSBURG. An das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 50 Jahren wird jetzt überall mahnend gedacht.Weitersburg blieb vom Bornbenhagel der Großstädte weitgehend verschont. Am 21. November 1944 kamen die Bewohner mit dem Schrecken davon, als einige Sprengbomben auf dem „Sand" explodierten und mächtige Krater aufrissen. Im März ‘45 sollte es sie weit schlimmer treffen.
Am 2. Januar 1945, als in unmittelbarer Nähe des Ortes einige Sprengbomben fielen, wurde das Haus Heinz in der Grenzhausener Straße erheblich beschädigt. Im Ort gingen viele Fensterscheiben zu Bruch. Die Sirenen heulten immer häufiger. Viele Bürger pilgerten „mit Kind und Kegel" in die Gemarkung, fühlten sich dort unter Bäumen oder in den Luftschutzstollen im Wäschbach und am Weinberg sicherer als im Haus.
Die Westfront rückte immer näher. Das Donnern der Artillerie wurde von Tag zu Tag lauter. Mit dem Frühlingsbeginn kam das Kriegsgeschehen in greifbare Nähe. Mit den ersten amerikanischen Granaten, die in der Nacht vom 17. zum 18. März 1945 im Ort einschlugen, war auch Weitersburg spürbar in die Kriegsereignisse einbezogen worden.
Erste Kriegstote
Es blieb nicht bei Beschädigungen von Häusern und Fensterscheiben. Bei „einem Feuerüberfall am Dienstag, 20. März, wurde die neunjährige Edwine Adler durch Granatsplitter schwer verwundet. Sie starb abends an ihren Verletzungen im St. Josef-Krankenhaus in Vallendar.
Bei einem weiteren schweren Beschuß in den frühen Morgenstunden des 21. März 1945 schlugen zahlreiche Granaten in der Humboldstraße ein. Dabei fanden Anna Maurer und vier deutsche Soldaten den Tod. Josef Maurer und mehrere Soldaten wurden verwundet. Die Angst unter den Bürgern wuchs.
Freitag, 23. März: Die Alliierten sollen schon bei Neuwied stehen. Der Tag beginnt ruhig. Einige Bauern wagen sich noch aufs Feld. Gegen 17 Uhr ist es mit der Ruhe vorbei. Ein kurzes, aber heftiges Trommelfeuer der amerikanischen Artillerie trifft das Dorf. Viele Granaten schlagen ein und beschädigen etliche Häuser. Gertrud Heun wird auf dem Heimweg verwundet. Drei Wochen später erliegt sie ihren Verletzungen. Auch in der Nähe der Kirche sind mehrere Einschläge zu verzeichnen. Dabei reißt eine Granate das Kirchendach des rechten Querschiffes auf, das Kirchengewölbe hält jedoch stand. Am Samstag; 24. März, ist es verhältnismäßig ruhig. Pastor Hausmann hält in der Notkapelle unter der Scheune von Anton Wiemer, eine kurze Abendmesse. Kurz darauf, die Meßbesucher sind gerade zu Hause, beginnt ein schreckliches Inferno. Beim Artilleriebeschuß werden Elli Piroth und ihre beiden Zwillingssöhne, Hans-Elmar und Heinz-Winfried, auf der Straße von einer explodierenden Granate tödlich getroffen. Heinrich Günster, der über seinen Hof zum Keller rennt, wird Opfer einer Artilleriegranate. Gertrud Hahn und Salome Hahn werden schwer verwundet. Salome Hahn stirbt an den Folgen am 14. April, Gertrud Hahn am 16. Mai 1945.
Die meisten Menschen verbringen die Nächte in den Kellern. Der Morgen des Palmsonntag, 25. März 1945, naht. Es sollte ein denkwürdiger Tag werden. Nur wenige Bürger verlassen ihr Haus. Etwa 25 Gläubige haben sich zur Frühmesse in der Notkapelle eingefunden. Außerhalb des Ortes sind Gewehrschüsse und Maschinengewehrsalven zu hören, die immer näher kommen. Dann ist es wieder ruhig. Jeder spürt: Das ist die Ruhe vor dem Sturm.
Weiße Fahnen gehißt
Kurz nach zwölf Uhr wird die Ruhe durch das Kettenrasseln der heranrollenden amerikanischen Panzer unterbrochen. Aus, Richtung Bendorf bewegt sich eine nicht enden wollende Panzer- und Fahrzeugkolonne in Richtung Höhr-Grenzhausen. Weiße Flaggen kommen an den Häusern zum Vorschein, Jenseits der Wäschbach erscheinen alliierte Soldaten. Amerikanische Infanterie kommt ins Dorf und durchsucht Häuser. Vereinzelt fallen noch Schüsse. Die deutsche Artillerie Feuert. Granaten schlagen auf dem Sand ein, ohne großen Schaden anzurichten.
Ab Mittwoch, 28. März. ist die Front so weit nach Süden und Osten weitergerückt, daß das Dorf nicht mehr tangiert wird. Ganz langsam kehrt der Alltag zurück. Er bringt zwar noch Not und Entbehrungen mit sich, aber die Hauptsache ist: Der Krieg ist vorbei.
Karl Wagner